Eine von uns: Zu Gast bei Freunden

Eine von uns: Zu Gast bei Freunden

Acht Monate lang reiste Frau Brandau entlang der Seidenstraße von Zentralchina bis Armenien. Ihre Reise führte sie teils per Anhalter, teils mit öffentlichen Verkehrsmitteln und schließlich mit einem in Kirgistan erworbenen VW-Bus durch Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und den Iran. Hier ihre Grüße aus der Ferne…

Aus der Ferne schallt der Ruf des Muezzins zum Sonnenuntergangsgebet. Die Weizenfelder, die soeben noch goldgelb strahlten, haben ihre Farbe verloren und langsam legt sich die glühende Hitze, die die Tage im usbekischen Sommer bestimmt. Wir sind gerade dabei, unser Nachtquartier aufzubauen, als ein Mann bei uns vorbeischaut. Er strahlt bis über beide Ohren und signalisiert uns wild gestikulierend mit zu ihm und seiner Familie nach Hause zu kommen. Wir haben den Mann noch nie gesehen, doch sein vertrauenswürdiges Lächeln lässt uns keine Minute zögern und wir gehen mit.

Mehrere tausend Kilometer weiter östlich in Westtibet hatten wir im April unser erstes Erlebnis dieser Art. Dort war es kalt. Der eisige Wind weckte die bunten Gebetsflaggen am Eingang des buddhistischen Klosters, zu dem wir gewandert waren, zum Leben. Ein komplett in Rot gekleideter Mönch, inklusive roter Nike Schuhe und roter Manchester United Kappe, bat uns in das im Inneren bunt bemalte Kloster, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien – ganz im Gegensatz zum Leben in den futuristischen chinesischen Millionenstädten.

Beschattet von überdimensionalen Mao-Statuen und Xi Jinpings chinesischem Traum staunen wir nicht immer im positiven Sinne über die diversen Methoden der Bargeldloszahlung, die uniformen Hochhaussiedlungen und leeren achtspurigen Autobahnen, die Hochgeschwindigkeitszüge sowie die Effizienzorientierung und den Konsumwahn der chinesischen Mittelschicht. Den Überwachungsstaat China verlassen wir in Richtung Kirgistan und auch hier wieder könnte der Kontrast kaum größer sein.

Freiheit pur erwartet uns in Kirgistan Anfang Juni: Saftig grüne und mit Blumen verzierte Wiesen, klare erfrischende Gebirgsbäche und saubere Luft. Die Landschaft, die mehrheitlich über 1500m liegt, ist bespickt mir Gebirgsseen, Jurten und Viehherden und wir kommen schnell und einfach mit den Hirten(familien) in Kontakt, die uns Einblick in ihr Jurtenleben gewähren. Im Inneren der Nomadenzelte riecht es nach Kuhdung, denn der wird zum Heizen verwendet. An den Wänden liegen Stoffmatten gestapelt, auf denen die Familien nachts schlafen. Ansonsten ist die Einrichtung eher karg, doch die Gemütlichkeit und Zufriedenheit umso größer.

Ende August fahren wir dem zentralasiatischen Dach der Welt entgegen: Tadschikistan. Die Landschaft durstet nach Wasser. Vorboten des nahenden Winters sind auch die Lastwagen, die auf ihrem Rücken die abgebauten Jurten von der Sommerweide zur Lagerung ins Tal transportieren. Die Weizenernte ist in vollem Gange und großzügig überladene Ladas und Hyundai-Porter balancieren Heuballen die löchrigen Straßen entlang. Was die Straßen an Perfektion einbüßen je weiter wir uns von China entfernen, gewinnen die Menschen an Offenheit und Hilfsbereitschaft.

Als es in den Bergen langsam kalt wird, geht es für uns erneut ins usbekische Flachland und schließlich durch Turkmenistan in den Iran – das Land, welches es tatsächlich schafft, alle seine Vorgänger an Gastfreundschaft in den Schatten zu stellen. Beim Couchsurfen oder im Zuge spontaner Einladungen erhalten wir beispielsweise einen Einblick in die Situation moderater Gläubiger, strenger Schiiten und liberaler, westlich orientierter Perser. Es ist ein Land, das zugleich fasziniert und schockiert; hoffnungsvoll bunt und verständnislos schwarz zugleich. Als unser Auto in den Bergen liegen bleibt, können wir kaum glauben, wie viele Menschen sich unseres Problems annehmen als sei es ihr eigenes. Wir fühlen uns bei diesen herzlichen fürsorglichen Fremden als seien wir von langjährigen Freunden umgeben.

Die Herzlichkeit der Menschen entlang der Seidenstraße an sich ist schon eine Reise wert. Hinzu kommen Landschaften, deren Schönheit uns nicht selten im wahrsten Sinne des Wortes den Atem rauben, und Kulturschätze, deren Alter und Bedeutsamkeit kaum zu fassen sind: Das Tian Shan Gebirge, der Pamir und der Hindukusch, die Wüste Gobi, die Taklamakan und die Dasht-e Lut, (ehemalige) Seidenstraßenstädte wie Dunhuang, Kashgar, Samarkand, Buchara, Khiva, Persepolis, Shiraz und Isfahan und Pilgerziele wie Konye-Urgench, Mashad und Khor Virap.

Und überall entlang unserer Route bitten uns Einheimische in ihr Zuhause. Und das immer einfach so, ohne Hintergedanken oder Erwartungen. Mal bleiben wir nur auf ein, meist jedoch eher viele Gläser Tee – einige Male kommen wir nicht umhin tibetischen Buttertee oder Kimiz‘, vergorene Stutenmilch, zu probieren. Mal bleiben wir zum Mittagessen. Meist wird uns dann eine sehr fleischhaltige Mahlzeit mit viel Reis und Brot serviert, oft begleitet von zuckersüßem Nachtisch. Mal bleiben wir für eine Nacht, mal für vier. Mal bleiben wir im kleinen Kreis, mal werden wir dem ganzen Dorf vorgestellt. Wo unsere Chinesisch-, Russisch- bzw. Farsikenntnisse versagen, helfen Übersetzungs-Apps, Bilderalben, Gestik und Mimik und unser bestes Kommunikationsmedium schlechthin, das Lächeln.

Am Ende steht meist das obligatorische Selfie und das Austauschen der Kontaktdaten, denn Facebook, Instagram und WhatsApp sind für die Menschen hier wie dort Schlüssel zur Welt und zum Kontakthalten mit Freunden. In dieser Hinsicht sind wir weltweit gar nicht so verschieden.

Doch in einem Aspekt unterscheiden sich diese Länder maßgeblich von uns. Die Länder der ehemaligen Sowjetunion sowie China und der Iran sind autoritäre repressive Staaten, in denen die Freiheit der Menschen eingeschränkt ist. Zudem führen Korruption, Vetternwirtschaft, eine extrem ungerechte Verteilung der Wohlstands und mangelnde Fürsorge des Staates dazu, dass insbesondere junge Menschen, allen voran Frauen, nicht die Möglichkeiten haben, ihr Leben zu gestalten, die für uns oft selbstverständlich sind. Nicht immer können sie lieben, wen sie wollen und nicht immer dürfen sie den Beruf wählen, den sie wollen. Nicht immer dürfen die Menschen sagen, was sie denken oder sich kleiden, wie es ihnen gefällt. Allzu häufig bleibt ihnen die Möglichkeit verwehrt, den Wohnort zu wechseln oder in andere Länder zu reisen. Zudem unterliegen private Kommunikation, Medien, Religionsausübung und Bildung enger staatlicher Kontrolle. Als Reisende in Zentralasien wurden wir immer wieder mit diesen Realitäten konfrontiert, teilweise waren wir selbst davon betroffen.

Umso mehr haben uns die Herzlichkeit und Großzügigkeit sowie die Hilfsbereitschaft und Zuversicht der Menschen beeindruckt und wir sind uns noch einmal mehr bewusst geworden, wie gut es uns geht.

In diesem Sinne wünsche ich euch und Ihnen einen positiven Start in das Jahr 2020.

Bis Februar, Hanna Brandau